Abschied auf dem Dach

Es ist schön und füllt mich mit Freude
in dir umherzugehen.
Viele Jahre, sogar Jahrzehnte
bist du mein Spielplatz gewesen,
meine Kinderstube.
Wie eine Festung
hast du jeden Sturm,
jedes Unwetter fern gehalten,
kalten Wind von den warmen Zimmern.
Jetzt stehst du da und bist historisch
zwischen den vielen unpersönlichen Wohnpalästen.
Heute bin ich zum letzten Mal hier
bei dir und besteige die Festung
die nicht mehr ist, als kalte traurige Mauern,
die langsam aufzugeben scheinen.
Ganz bewusst gehe ich umher.
Stufe für Stufe.
Tut es dir weh?
Etage für Etage kämpfe ich mich nach oben,
vorbei an Kindheitserinnerungen
und all den Wohnungen meiner Freunde und Familie.
Sehe in jeden Briefschlitz an der Türen und rieche in die Wohnungen hinein,
wie einst, als meine Erinnerung noch in der Gegenwart zu Hause gewesen ist.
Das Schloss an der Dachbodentür hat nichts mehr von seiner Stärke
und auch das Geheimnisvolle ist verflogen.
Knarrende Stufen nach oben.
Hier fliegt und tanzt der letzte Zauber,
glitzernder Staub, durch die abgestandene Luft
und die Sonne scheint
durch das Dachbodenfenster in mein träniges Gesicht.

2 Kommentare

  1. 31. März 2019
    Antworten

    So ein schöner Text! Man fühlt mit … die Frage: „tut es dir weh?“, einem alternden Haus zu stellen, wie wunderbar!! ..sehen in jeden Briefschlitz, riechen in jede Wohnung … ich war wirklich kurz dabei!

  2. Nicoletta
    26. März 2019
    Antworten

    So schwebst du zwischen nichts und oben, wenn du wieder nach Hause kommst – in dein Elternhaus. Und nicht mehr weißt wo du hin gehörst. In deinen alten Leben gibt es keinen Platz mehr für dich und in deinen neuen hast du ihn noch nicht gefunden.

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